Whistleblowing: betriebliche Missstände ans Licht bringen (Aktion 29)

Anlass Wenn Sie in einem Altersheim arbeiten, in dem menschenunwürdige Zustände herrschen; wenn Sie in einer Behörde Zeuge von Korruption werden; wenn Sie in einer Bank von Insiderhandel oder von Hilfen zum Steuerbetrug erfahren; wenn Ihre Firma gegen Gesetze verstößt, beispielsweise im Bereich des Arbeitsschutzes, der Umwelt oder des Kartellrechts. Zunächst sollten Sie versucht haben, betriebsintern etwas gegen solche betrieblichen Missstände zu unternehmen, etwa über den Betriebsrat oder über Ombudsmänner. Neuerdings haben große Firmen intern sogenannte Compliance-Strukturen eingerichtet, über die Mitarbeiter anonym Missstände melden können, beispielsweise die Deutsche Telekom, Bertelsmann, AOK, Commerzbank, Allianz (www.
business-keeper.com/whistleblowing-compliance.html).

Wenn der betriebsinterne Weg fruchtlos bleibt, ist »Whistleblowing « angesagt (to blow = blasen, whistle = Flöte): Sie können die betrieblichen Missstände ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Begründetes Whistleblowing ist kein »Verrat« am Arbeitgeber. Es geschieht auch im wohlverstandenen Interesse der Wirtschaft, die an der Beseitigung von ungesetzlichen oder unmoralischen Strukturen Interesse haben müsste.

Aktion Prüfen Sie zunächst, wie Sie die Missstände belegen können (möglichst mit Zeit- und Ortsangaben, Namen der Beteiligten, mit Zitaten und Dokumenten). Bei betrieblichen Missständen von großer öffentlicher Relevanz rechtfertigt schon ein begründeter Anfangsverdacht ein Whistleblowing. Nun gilt es zu überlegen, wie Sie Ihr Insiderwissen nach außen bringen. Wenn Sie Ihre Informationen für hieb- und stichfest halten und mutig sind oder ohnehin bald kündigen wollen, können Sie Ihre Hinweise mit Ihrem Namen an Zeitungen, an die Staatsanwaltschaft oder an einschlägige NGOs wie Transparency International oder LobbyControl schicken. Das erhöht Ihre Glaubwürdigkeit und erlaubt, dass zur weiteren Klärung rasch Kontakt mit Ihnen aufgenommen werden kann.

Wegen des persönlichen Risikos (siehe weiter unten) wird Ihnen niemand Vorwürfe machen, wenn sie anonymes Whistleblowing bevorzugen. Dafür gibt es inzwischen eine
Reihe von Internetbriefkästen, die Ihnen Anonymität durch Datenverschlüsselung garantieren, Sie aber gleichzeitig für anonyme Rückfragen erreichbar machen:

  • Für überregionale, politisch relevante Hinweise haben Wochenzeitschriften wie Stern (www.stern.de), Zeit (www.zeit.de/briefkasten/index.html) oder Westdeutsche Allgemeine Zeitung (www.derwesten-recherche.org/ueber) anonyme Onlinebriefkästen eingerichtet, andere Zeitungen werden nachziehen. Die Journalisten prüfen Ihre Hinweise und verarbeiten sie gegebenenfalls zu Beiträgen.
  • Hinweise auf Korruption, Wirtschaftskriminalität und rechtsradikale Kriminalität gehen an die Landeskriminalämter und Polizeibehörden einzelner Länder (www.whistleblower-net.de/was-wir-bieten/weitere-angebote/externe-links/).
  • Für kartellrechtliche Verstöße in Ihrer Firma hat das Bundeswirtschaftsministeriumeine Webseite eingerichtet (www.bundeskartellamt.de, klicken Sie rechts oben »weitere Meldungen«, dann »Hinweise auf Kartellverstöße«).
  • Für Verstöße gegen den Tierschutz gibt es die Webseite www.peta.de/whistleblower.

Wenn Sie dem digitalen Whistleblowing nicht trauen, können Sie den genannten Institutionen auch einen Brief ohne Absender schicken und für Rückfragen einen Mittelsmann Ihres Vertrauens nennen. Also, es gibt genügend Wege, betriebsinterne Missstände ohne großes persönliches Risiko ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen! Bei weiteren Fragen empfiehlt sich eine Beratung durch Whistleblower Netzwerk e. V. oder Cleanstate e. V., die sich als Anlaufstellen für deutsche Whistleblower verstehen.

Wirkung Whistleblowing ist eine wirksame Aktion zivilgesellschaftlichen Widerstandes. Die Macht des Insiderwissens ist groß – nicht nur Spekulanten, auch die Zivilgesellschaft sollten sie nutzen! Beispiele für ein folgenreiches Whistleblowing waren die CDs mit den Namen von Steuerhinterziehern, die Mitarbeiter Schweizer Banken an deutsche Finanzbehörden geschickt hatten. Wichtig ist die langfristige Wirkung solcher Insiderhinweise. Wenn Firmen und Behörden wissen, dass ihre Mitarbeiter leicht und gefahrlos Gesetzesverstöße melden können, werden sie sich akzeptabler verhalten – übrigens auch gegenüber den Mitarbeitern selbst, deren »Rache« sie fürchten müssen.

Whistleblowing wird auch für Mobbing und Rufmord missbraucht. Etwa 60 Prozent der in Briefkästen von Zeitschriften eingehenden Meldungen sollen nach Aussagen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung Spam sein, das heißt, sie denunzieren nur oder sind offensichtlich haltlos. Bei den meisten Briefkästen werden anonyme Hinweise einem Beurteilungsprozess unterzogen und durch Rückfragen weiter geklärt, so dass bloße Denunziationen wahrscheinlich aussortiert werden. Manchmal verbinden sich beim Whistleblowing Rachemotive gegenüber dem Chef mit Aufklärungsabsichten: Firmen, die gegen Gesetze verstoßen, behandeln meistens auch ihre Mitarbeiter schlecht.

Aufwand Beträchtlich, da man die Enthüllungen belegen muss, was mit Scannen, Kopieren, Zusammenstellen und mit viel Schreiberei verbunden ist. Nach dem ersten Hinweis ist die Aktion selten beendet. Es kommen Nachfragen, eventuell sind weitere Enthüllungen und Recherchen nötig.

Risiko Je nach Vorgehensweise. Gering bei Benutzung offi zieller und verschlüsselter Hinweiskanäle. Ganz sicher ist nur das absenderlose Einwerfen via Post, das aber nur bei sehr überzeugenden Hinweisen berücksichtigt wird. Vorsicht bei der Beifügung von Originaldokumenten! Sie können durch absichtlich eingefügte Tippfehler versteckte Hinweise auf den Übermittler enthalten. Ihr Arbeitgeber wird versuchen, das betriebsinterne Leck aufzuspüren, und eventuell Repressalien gegen Sie (oder gegen
Kollegen, auch das ist zu bedenken!) ergreifen. Man könnte Ihnen kündigen, versetzen oder mobben. Auch arbeitsrechtliche Schritte gegen Sie sind denkbar, kamen bisher
aber nicht sehr häufi g vor. Zwar schützt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts Whistleblower, die »gutgläubig« und »nicht leichtfertig« von der Richtigkeit der Vorwürfe
ausgehen. Rechtlich ist manchmal aber nicht leicht zu beurteilen, ob der Arbeitgeber Ihnen eine arbeitsrechtliche Pflichtverletzung (zum Beispiel gegen die Verschwiegenheitspflicht) vorwerfen und eine Kündigung aussprechen kann. Mitte Juni 2012 wurde im Deutschen Bundestag über ein Gesetz zum Schutz von Whistleblower diskutiert, das die Grauzonen schließen soll. Ziehen Sie auch in Betracht, dass Whistleblowing das Arbeitsklima in einem Betrieb verändern kann. Falls Sie in Verdacht geraten, der Whistleblower zu sein, müssen Sie mit Problemen durch Kollegen rechnen.

Spassfaktor Sie werden wieder motivierter zur Arbeit gehen, wenn Sie etwas gegen die betrieblichen Missstände unternommen haben, vor allem dann, wenn diese danach beseitigt wurden. Vielleicht werden Sie sich ein bisschen als Verräter vorkommen, aber das kann auch seine Reize haben, wenn Ihr Whistleblowing legitim und notwendig war.