Per Mausklick demonstrieren: Onlineproteste unterschreiben (Aktion 2)

Anlass: Aktuell aufkommende Missstände aller Art, vor allem solche in politischer Verantwortung: Da soll ein Großprojekt trotz immenser Kostensteigerungen weitergebaut
werden, will eine Kommune in undurchsichtigen Verträgen seine Wasserversorgung einem amerikanischen Konzern übertragen, plant das Bundeswirtschaftsministerium, den
Export von Waffen an arabische Despoten zu erleichtern – und Sie denken: Das muss man doch verhindern, da kann man doch nicht bis zur nächsten Wahl warten!

Aktion: Zivilgesellschaftliche Organisationen wie Campact, Attac, Greenpeace, Urgewald, LobbyControl, Erklärung von Bern, MultiWatch oder Avaaz und change.org (zu letzteren
siehe weiter unten) stellen zu aktuellen Missständen sehr rasch Protestaufrufe ins Netz. Bewegung.taz und Greenaction informieren Sie über zahlreiche spezielle Protestaufrufe
auch kleinerer Gruppen. Sie brauchen auf diesen verschiedenen Plattformen nur Name und Adresse in ein Formular einzugeben und auf »Senden« zu klicken. Danach erhalten Sie eine Bestätigung, die Sie Ihrerseits bestätigen müssen. Nach der Absendung den Protestaufruf gleich an Freunde weiterleiten mit dem Kommentar »Habe gerade unterschrieben, solltet ihr auch tun …«!

Wirkung: Die »Kraft des Klicks« ist inzwischen zu einem politischen Einflussfaktor geworden. Der Gründer des amerikanischen sozialen Netzwerkes change.org, Ben Rattray, wurde von der Time 2012 zu »einem der einflussreichsten Menschen der Welt« gekürt. Dieser Einfluss hängt aber entscheidend davon ab, dass es nicht nur bei Unterschriften bleibt. Die Klicks müssen in die reale politische Welt eingespeist werden. Politiker müssen an Hand der Protestaufrufe mithilfe weiterer Öffentlichkeitsarbeit unter Druck gesetzt, ihre Antworten kritisch weiterverfolgt werden. Die amerikanischen
Plattformen change.org und Avaaz beeindrucken zwar mit hohen internationalen Unterschreiberzahlen, stehen aber im Ruf, zu wenig für die politische Promotion ihrer
Aufrufe zu tun. Die deutsche Plattform Campact mobilisiert
ebenfalls viele Unterschreiber (nach Eigendarstellung bisher
824 000) und hat Unterschriften bisher verlässlich in den politischen Prozess eingespeist. Sie organisiert oft begleitende Proteste auf der Straße. Protestaufrufe zeigen oft rasch Wirkung: So zog die Familienministerin Ursula von der Leyen 2011 geplante Netzsperren von Kinderpornoseiten schon nach zwei Tagen zurück, als sich im Internet ein Entrüstungssturm erhob. Die Protestierenden nahmen nicht etwa Kinderschänder in Schutz, sondern befürchteten einen Präzedenzfall zur Einschränkung
der Meinungsfreiheit im Netz. Auch Konzernen sind Onlineproteste nicht gleichgültig, wenn sie um ihren Ruf und damit um Absatzchancen fürchten müssen. Nach einer Protestkampagne von Greenpeace Schweiz im Jahre 2012 mit 200 000 Unterschriften gab die Modekette Levi’s nach und kündigte an, die Verschmutzungsdaten seiner
40 größten Lieferanten offenzulegen und auf zwei gefährliche Chemikalien bei der Herstellung zu verzichten.

Noch stärker wirken Onlineproteste, wenn sie von Demonstrationen auf der Straße begleitet sind. Das musste im Februar 2012 die Bundesregierung erfahren und die geplante Ratifi zierung des internationalen Antipiraterie-Abkommens ACTA stoppen. Was dabei auf das Konto der Internetunterschriften und was auf den Druck durch gleichzeitige Demonstrationen ging, ist schwer auseinanderzuhalten. Aber das Internet ist zweifellos ein entscheidender Faktor, vor allem weil der mediale Aufschrei sehr schnell erfolgen kann.
Ein Problem sind die zahlreichen Protestaufrufe kleiner Gruppen. Sie verpuffen, wenn sie nicht gebündelt werden, was Organisationen wie bewegung.taz oder greenaction tun.
Ein anderes Problem: Oft fehlen in den Plattformen detailliertere Informationen über die Missstände, gegen die protestiert werden soll. Einen solchen uninformierten Protest
werden die Adressaten weniger ernst nehmen. Aber selbst wenn Informationen zur Verfügung gestellt werden (vorbildlich in dieser Hinsicht sind die Erklärung von Bern, »EvB«, Urgewald, LobbyControl), lesen viele Klicker sie nicht und unterschreiben aus dem Bauch heraus.

Aufwand: Die angebotenen Infos über die Missstände zu lesen ist ein zumutbarer Aufwand. Das Unterzeichnen selbst geht schnell, fast zu schnell, daher der »Klickismus«- oder »Sofaklicker«-Vorwurf.

Risiken: Ziemlich risikolos, aber nicht völlig. Sie geben Ihren Namen und Ihre Adresse samt persönlicher Meinung preis, die bei den Adressaten landen. Diese können die Informationen aufbereiten und weiterverwenden, beispielsweise indem sie Ihnen unerwünschte Mails, Post, Angebote schicken. Kommerzielle soziale Medien wie Facebook, Google oder change.org handeln mit Ihren Daten und geben das auch offen zu. Übrigens auch ein Grund, mit dem »Gefällt mir!«-Button sparsam umzugehen!

Spaßfaktor: Das Gefühl, mit seiner Unterschrift wenigstens ein bisschen gegen Missstände in der Welt getan zu haben, ist ganz nett, ist auf jeden Fall besser, als einen »Gefällt mir!«-Button gedrückt zu haben. Wenn dann auf manchen Webseiten Ihr Name als neuester Unterzeichner erscheint, schmeichelt das ein bisschen; gleichzeitig signalisieren die eingeblendeten Zahlen der gesammelten Unterschriften, dass man eben nur einer unter 45 673 ist. Und es bleibt das nagende Gefühl, dass man eigentlich mehr tun sollte.