Einen Smart Mob organisieren (Aktion 44)

Anlass: »Flashmobs« (Blitzzusammenkünfte) sind in Mode gekommen, dienen aber meist nur der Gaudi: Man bestellt Leute an einen Ort, um dort ausgiebig zu feiern. Beim »Smart Mob« (schlaue Zusammenkunft) lädt man ebenfalls Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort ein, aber zu anderen Zwecken. Sie sollen dort etwas Schlaues tun, sprich: eine politische Botschaft verbreiten. Beispielsweise sich in einer Halle des Hauptbahnhofs einfinden, zu einer exakten Uhrzeit mit Trillerpfeifen auf sich
aufmerksam machen, Plakate mit der Aufschrift »Bahnlinie nach XY nicht stilllegen!« aus der Tasche ziehen und in die Höhe halten. Nach einer ausgemachten Zeit gehen dann alle
Teilnehmer von allein wieder ihrer Wege und widmen sich ihren Tagesgeschäften.
Da die politische Botschaft eines Smart Mobs in einer gewissen Beziehung zum Ort der Aktion stehen und außerdem viel Publikum anwesend sein sollte, kommen nicht alle Orte
in Frage. Beobachtet wurden in Deutschland in den letzten Jahren Smart Mobs auf belebten städtischen Plätzen mit Botschaften zu allgemeinen politischen Themen, vor Rathäusern mit kommunalpolitischen Forderungen, in Warenhäusern mit Konsumkritik, vor einer Fabrik zur Unterstützung von Streikenden und selbst im Kreisverkehr auf dem Fahrrad gegen fahrradfeindliche Verkehrsregelungen. Und warum künftig nicht auch in Theaterfoyers, bei Sportveranstaltungen oder bei Wahlreden von Politikern?

Aktion: Die Einladung wird über persönliche Verteiler, Twitter oder Facebook übermittelt, und natürlich auch über Organisationen am Ort, die in dem Themenfeld arbeiten. Man kann die Aktion auch als Projekt auf entsprechenden Internetseiten ankündigen (siehe Aktion 27) und um Beteiligung bitten. Da man sich beim Smart Mob nicht vorher oder
am »Tatort« abspricht, müssen alle Teilnehmenden ihre Rolle völlig eigenständig spielen können. Genaue Anweisungen an die Eingeladenen sind daher entscheidend für das Gelingen des Smart Mobs: Wann sollen sie sich am Tatort einfinden und dort, ohne miteinander in Kommunikation zu treten, bis zum Aktionsbeginn warten? Wann genau sollen sie mit ihrer Aktivität beginnen (eine Erinnerung, die eigene Uhr zum Zeitabgleich nach den Nachrichten zu stellen, ist hilfreich)? Was soll jeder tun? Wann wird die Aktion abgebrochen und der Tatort verlassen?
Zunächst müssen die Teilnehmer auf sich aufmerksam machen. Etwa durch Trillerpfeifen, Anlegen von besonderer Kleidung, Aufsetzen von Masken, Hinlegen oder Ähnliches. Dann folgt das Übermitteln der eigentlichen Botschaft. Man kann sie auf Plakate schreiben oder rufen. Besonders eindrucksvoll ist, sie symbolisch oder theatralisch zu unterstreichen, zum Beispiel durch Herumhumpeln mit angeketteten Beinen, um gegen die verschärfte Residenzpfl icht für Asylbewerber zu protestieren. Zum ausgemachten Zeitpunkt hören
alle Teilnehmenden auf, packen ihre Requisiten ein und gehen ihrer Wege, ohne mit den anderen Smart Mobbern zu reden. Sie selbst als Organisator fotografi eren oder fi lmen
die Aktion am besten. Dass man den Smart Mob durch Pressemitteilungen ankündigt (ohne den genauen Ablauf zu verraten), versteht sich von selbst, desgleichen, dass man Bilder und Filme nach erfolgreicher Aktion an die Medien verschickt oder auf YouTube einstellt.

Wirkung: Der Smart Mob ist zwar faktisch eine Demonstration, aber er wirkt nicht durch Demonstration von Masse und damit von Macht. Er gewinnt die Aufmerksamkeit von
Passanten für seine Botschaft durch sein überraschendes, plötzliches Auftreten; pfi ffi ge, symbolische Handlungen verstärken sie noch. Einzelne Menschen, die beim Smart Mob
scheinbar eigenständig handeln, machen neugieriger als die Massenansammlung von Menschen. Von Smart Mobs geht allerdings weniger öffentlicher Druck auf Entscheidungsträger aus als von einer Massendemonstration. Strenggenommen handelt es sich bei Smart Mobs um zeitlich kurze Demonstrationen mit Zügen eines Happenings. Deswegen werden sie auch als etwas unernst, als Ausdruck der Hipster-Kultur kritisiert. Die Teilnahme enpassant scheint einem heute verbreiteten Bedürfnis nach unverbindlicher
Partizipation entgegenzukommen, wie die wachsende Zahl von Smart Mobs mit jungen Aktivisten in Deutschland zeigt. Smart Mobs sind aber auch in Mode gekommen, weil
sie leicht und juristisch risikoarm durchführbar sind (siehe weiter unten). Deswegen sind sie inzwischen auch von Firmen für Werbekampagnen entdeckt worden, und leider unterlaufen auch Rechtsradikale Demonstrationsverbote mithilfe von Smart Mobs (zum Beispiel beim »Hessmob«).

Aufwand: Der Vorbereitungsaufwand ist deutlich geringer als bei einer Demonstration (keine Anmeldung bei Behörden, kein technischer Aufwand für Reden, kurzer Ablauf).
Der größte Einsatz liegt im Ausdenken einer Aktivität, die von einzelnen unabhängig ausgeführt werden kann, und in ihrer genauen Beschreibung in der Einladung.

Risiken: Für Teilnehmer wie Initiatoren klein. Bei Smart Mobs kommt es in der Regel nicht zur zivilrechtlich riskanten Schädigung Dritter. Was ein Smart Mob ist, lässt sich juristisch
nicht eindeutig fassen. Es handelt sich nicht klar um eine Demonstration, weil jeder Teilnehmer für sich und ohne Kommunikation mit anderen handelt. Diese Unschärfen verringern etwaige juristische Risiken für die Teilnehmenden und Initiatoren.

Spaßfaktor: Hoch, wenn die Choreographie klappt und die Passanten verdutzt schauen!