Demonstrieren ist gesund (Aktion 22)

Anlass: Demonstrationen sind ein klassisches Mittel der Bürgerinnen und Bürger, ihre Meinung zu äußern und dadurch Einfluss auf politische Entscheidungen aller Art auszuüben. Sie sind im Zeitalter des Internets keineswegs überflüssig geworden. Erst wenn es gelingt, viele Bürger an vielen Orten und über längere Zeiten hinweg auf die Straße zu bringen, nehmen Politiker öffentliche Proteste ernst und beugen sich den Forderungen. Durch Demonstrationen können auch kleine Gruppen auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Die Massendemonstrationen der letzten Jahre zu Themen der
Ökologie, gegen Atomkraft und gegen Großprojekte wie Stuttgart 21 oder den Bau der Waldschlösschen-Brücke in Dresden zeigen: Demonstrationen sind in Deutschland inzwischen aus dem Dunstkreis des Radikalen und Subversiven heraus und in der Mitte der Gesellschaft angekommen, selbst in »gut«bürgerlichen Kreisen.

Aktion: Zunächst müssen Sie in Erfahrung bringen, wann eine Demonstration zu einem Thema stattfindet, für das Sie sich engagieren wollen. Demos werden in der Regel in den Veranstaltungskalendern der örtlichen Tageszeitungen angekündigt. Im Internet finden Sie Demonstrationskalender (zum Beispiel www.bewegung.taz.de/termine oder für Anti-Kriegs-Demos http://www.friedenskooperative.de/termine.htm), oft auch mit regionalem Bezug, wenn Sie in die Netzsuchfunktionen »Demonstrationen Kalender« und Ihre Region eingeben. Sie können außerdem auf den Webseiten der Ihnen politisch nahestehenden örtlichen Organisationen nachsehen. Zu Demonstrationen rufen meist mehrere Organisationen auf. Entsprechend viele Redner werden zu Beginn sprechen,
und entsprechend unterschiedliche Darstellungen und Forderungen werden Sie hören und auf Transparenten sehen. Dann setzt sich der Demonstrationszug auf der angemeldeten
Route in Bewegung. Marschieren Sie bei der Gruppe und unter dem Transparent mit, die Ihnen inhaltlich am meisten zusagen. Eine Demonstration lebt von ihren Teilnehmern.
Basteln Sie sich ein Pappschild, und schreiben Sie eine griffige Parole darauf! Während des Marsches werden Parolen skandiert. Es ist nicht so schwer, andere zum Mitskandieren einer eigenen, selbst ausgedachten Parole zu bringen. Beginnen Sie einfach mit rhythmischen Rufen, zum Beispiel »Banken an die Ketten, Sozialstaat retten« – Sie werden sehen, die anderen stimmen ein! Am Ziel der Demonstration angelangt,
gibt es eine Abschlusskundgebung mit Rede, danach erklärt der Versammlungsleiter die Demonstration für beendet.

Wirkung: Eine gut besuchte Demonstration beweist, dass viele so empört über einen Missstand sind, dass sie ihre Zeit opfern und auf die Straße gehen. Eine massenhafte und andauernde Präsenz auf den Straßen wird von Politikern selten einfach ignoriert. Medien berichten über den Missstand, die Politiker müssen Stellung beziehen und Lösungsvorschläge machen. Neben der Wirkung nach außen haben Demonstrationen
eine Wirkung nach innen. Der einzelne Demonstrant geht nach einem Gemeinschaftserlebnis politisch motivierter nach Hause. Die Teilnahme von verschiedenen politischen Gruppierungen an Demonstrationen fördert eine gemeinsame
Identität des zivilgesellschaftlichen Widerstands. Sie werden mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen, auf neue Ideen kommen, vielleicht Adressen austauschen. Für die Organisatoren, meist Menschen, die lange am Thema einer Demonstration arbeiten, bedeutet die Anwesenheit vieler Menschen Bestätigung und Rückenwind für die weitere politische Auseinandersetzung.

Aufwand: Auf einer Demo mitzugehen ist nicht schwierig, aber etwas zeitaufwendig. Schon die Anfahrt zum Versammlungsort kostet Zeit, dann sind mehrere Reden anzuhören, bis endlich losmarschiert wird. Allein für das Mitmarschieren auf der meist nicht kurzen Strecke ist in der Regel eine Stunde anzusetzen. Dann folgt noch eine Abschlusskundgebung. Wenn man ein eigenes Plakat mit sich führt, kostet dessen Herstellung Zeit und Material und setzt ein gewisses Geschick voraus. Manche müssen auch innere Barrieren überwinden, um zu einer Demonstration zu gehen, versteht man sich doch als »anständiger « Bürger, der ungern gemeinsame Sache mit Menschen
macht, die vielleicht radikal oder anarchistisch sind.

Risiken: Gering, falls es sich um eine angemeldete und genehmigte Demonstration handelt. Nach Artikel 8 des Grundgesetzes haben alle Deutschen das Recht, sich friedlich
und ohne Waffen unter freiem Himmel zu versammeln, und die Rechtsprechung hat diesem Recht immer große Priorität eingeräumt. Auf Großdemonstrationen marschieren
manchmal gewaltbereite Demonstranten mit, erkenntlich oft an ihrer Kleidung (»Schwarzer Block«). Sie werden von anwesenden Polizeibeamten beobachtet, zum Teil fotografi ert
und bei Eskalationen als erste festgenommen – und Sie mit ihnen, falls Sie zu lange in ihrer Nähe mitmarschiert sind! Einige Demonstranten versuchen bisweilen, eine Demonstration fortzusetzen, oft als Spontandemonstration (»Wir ziehen jetzt aus aktuellem Anlass zum Innenministerium«). Dann kann es ebenfalls zu Festnahmen kommen. Falls Sie
festgenommen werden: Rechte und Verhaltenstipps auf Seite 225.

Spaßfaktor: Groß! Eine Demonstration ist eine gesellige Angelegenheit. Sie lernen neue Leute kennen, treffen unverhofft alte Bekannte, und eine Demo endet oft bei einem Bier
oder einem Kaffee. Sie sprechen über die politischen Themen der Demonstration, bekommen Anregungen und neue Informationen. Die Stimmung kann ausgesprochen lustig werden. Auch die ein bis zwei Stunden Bewegung in frischer Luft fördern Ihr Wohlbefinden. Bei allzu plumpen oder von Ihnen nicht vertretbaren Parolen von Mitdemonstranten fühlt man sich manchmal ein bisschen unwohl, aber mit etwas
Toleranz (oder Diskussion!) kann man das aushalten.