Konsumentenmacht: Nichts von verantwortungslosen Firmen kaufen! (Aktion 14)

Anlass: Wie oft haben Sie schon so etwas gehört und waren empört: Schokolade der Firma X enthält Kakao, der von Kindersklaven geerntet wurde; Y-Milch stammt von Kühen, die Genfutter bekommen; eine Firma hat ihren Sitz in die Schweiz verlegt und vermeidet so in Deutschland Steuern; ein Einzelhandelskonzern bespitzelt seine Mitarbeiter. Ein Unternehmen macht Supergewinne, stellt aber immer mehr schlechtbezahlte Leiharbeiter und Werkvertragler ein. Übel, haben Sie vielleicht gedacht, aber ich kann nichts dagegen tun. Lassen Sie üble Firmen die Macht der Verbraucher
spüren! Wenn Sie boykottieren, kaufen Sie Waren einer verantwortungslosen Firma nicht. Wenn Sie »buy«kottieren, bevorzugen Sie gezielt Waren einer vorbildlichen Firma – und boykottieren damit automatisch die übrigen. Im Grunde ist also immer Boykott dabei. Er ist eine der wichtigsten Aktionen der Zivilgesellschaft, weil er leicht, täglich und massenhaft
ausgeübt werden kann.

Aktion: Der Boykottwillige steht vor drei Fragen: Welche Ware aus dem großen Warenangebot verdient es, boykottiertzu werden? Welche stattdessen kaufen? Wie kommt man ohne allzu großen Aufwand an verlässliche Informationen, um diese Entscheidungen treffen zu können? Am einfachsten ist ein Boykott durchführbar, wenn NGOs bereits eine Boykottkampagne gegen eine bestimmte Firma ausgerufen haben, was immer wieder geschieht. Dann werden Ihnen in der Regel auch die nötigen Informationen geliefert, die Produktnamen genannt (die Konzernzugehörigkeit
vieler Produkte ist oft nicht offensichtlich), und Sie können diese Firma leicht vermeiden. Ihre Boykottmöglichkeiten beschränken sich dann aber auf wenige Kampagnenprodukte,
die Sie momentan vielleicht gar nicht kaufen wollen.
Etwas aufwendiger, aber optionserweiternd ist es, sich beim Einkauf konsequent von Siegeln leiten zu lassen. Prägen Sie sich das Aussehen der Siegel ein, die anzeigen, ob ein
Produkt fair oder nachhaltig hergestellt wurde. Inzwischen gibt es verwirrend viele Siegel. Nur wenige werden staatlich kontrolliert wie Siegel mit dem geschützten Wort »Bio« oder
»ohne Gentechnik«. Viele – inzwischen die meisten – sind unseriös, weil sie Erfindungen der Industrie darstellen und man sie deshalb nicht als objektiv bezeichnen kann. Wie die seriösen Siegel aussehen, zeigt Ihnen www.label-online.de oder die Broschüre »Der nachhaltige Warenkorb«. Das wichtigste ist das alle Warengruppen betreffende Fairtrade-Siegel, speziell für Lebensmittel das Siegel Bioland oder Naturland, für Südfrüchte und Grünpfl anzen Rainforest Alliance, für Kleider Fairtrade Certifi ed Cotton, für Reinigungsmittel, Kosmetika und Haushaltsgegenstände der blaue Engel, für Holzprodukte das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council). Lassen Sie sich nicht durch Firmenwerbungen ablenken, die der Firma und ihren Produkten gern einen generellen grünen oder fairen Anstrich geben – selbst bekannte Sünder wie BP tun das inzwischen! Die hohe Schule des Boy- und Buykotts, in der Sie das Warensortiment in großer Breite und qualifi ziert beurteilen, erfordert viel informative Vorarbeit. Dafür stehen Ihnen digital und in Printform gute Informationsquellen zur Verfügung (vergleiche Seite 219–225), die Sie allerdings vor dem Einkauf studieren müssen. Da wird der tägliche Einkauf ja zur Wissenschaft, werden Sie stöhnen. Übung entlastet Sie! Mit der Zeit werden Sie die Welt der Waren immer schneller unter dem Gesichtspunkt »kaufen oder nicht kaufen?« einteilen können. Inzwischen gibt es technische Hilfen, die auch während des Einkaufs helfen. Dazu benötigen Sie ein Smartphone (das vermutlich unfair hergestellt wurde), auf dem die App »Barcoo« heruntergeladen ist. Sie streichen beim Einkauf über den Strichcode von Waren und bekommen im Display umgehend Informationen. So können boykottwürdige Produkte beim Einkauf an Ort und Stelle erkannt werden. Allerdings sind die Beurteilungen auf Barcoo gegenwärtig noch lückenhaft und intransparent, was ihr Zustandekommen betrifft. Beim Onlinekauf ist Barcoo (noch) nicht anwendbar. Dort kann man vor dem Abschicken einer Bestellung das Fairness- und Nachhaltigkeitsprofil des Produkts oder der Firma auf der Webseite www.wegreen.de überprüfen. Ihr Kaufboykott hat einen Nachteil: Erfindet etwas im Stillen statt. Weder die boykottierte Firma noch der Einzelhändler oder andere Käufer erfahren, dass und warum Sie boykottieren. Eine Aktionsvariante kann einen kleinen Aufklärungseffekt schaffen, erfordert aber etwas Mut. Man zeigt an der Kasse ein boykottwürdiges Produkt und fragt in der Rolle des besorgten Konsumenten: »Ich habe da gelesen, dass diese Kakaoprodukte von Kindern hergestellt werden. Stimmt das?« Auf die (vermutlich ausweichende) Antwort fragen Sie weiter und sprechen dabei möglichst laut, damit andere Kunden aufmerksam werden. Am Ende sagen Sie: »Also, das überzeugt mich irgendwie nicht, ich kaufe diese Sachen lieber nicht«, und lassen die Ware auf dem Förderband der Kasse stehen. Gehen Sie Buy- und Boykotte in kleinen Schritten an. Niemand kann verlangen, dass Sie jeden Kauf mit politischen Zielen tätigen. Beginnen Sie mit wenigen besonders verantwortungslosen Firmen und einzelnen Produkten, mit zunehmender Übung wird ihre Zahl zunehmen. Und natürlich ist es legitim, beim Kauf auch auf den Preis und auf persönliche Vorlieben zu achten. Wie sehr, ist Ihre Gewissensentscheidung.

Wirkung: Ihr Kaufboykott wirkt durch unmittelbaren Druck, nicht durch Protest oder Aufklärung. Sie beeinträchtigen, wenn auch im kleinsten Maßstab, den Absatz einer Firma.
Wenn viele Konsumenten ein bestimmtes oder alle Produkte einer Firma nicht kaufen, wird sich das in Verkaufsziffern niederschlagen und die betreffende Firma wird Ursachenforschung betreiben. War der Druck – sprich: die erzielten Verkaufseinbußen
– stark genug, wird sie – vielleicht – verantwortungsvoller produzieren. Vielleicht verstärkt sie aber auch nur ihre Werbebemühungen und gibt sich einen grünen oder fairen
Anstrich. Die Problematik der Wirkungen von Kaufboykotten sind bekannt, einschließlich die ihrer Nebenwirkungen (vergleiche Seite 29 ff., 36 ff.). Aber selbst wenn Boy- und Buykotte die erwünschten Ziele zunächst nicht oder nur begrenzt erreichen, es verhält sich hier wie bei der Mülltrennung: Auch sie ist problematisch, aber man sollte sie praktizieren, um eine bessere Abfallwirtschaft auf den Weg zu bringen. Wenn viele Bürgerinnen und Bürger ihre Bereitschaft zum politischen Konsumverhalten täglich unter Beweis stellen, erhalten NGOs eine starke Waffe im Kampf um die Moralisierung der Wirtschaft. Deren unausgesprochene Drohung mit Kaufboykotten genügt dann oft, um Unternehmen zum Einlenken zu bringen. Früher oder später kommt es zu tatsächlichen Verbesserungen, wie man auf den Webseiten der »Kampagne für Saubere Kleidung
«, Erklärung von Bern und anderen verfolgen kann. Ein Beispiel ist die Outdoor-Bekleidungsbranche, der selbst kritische NGOs wie die »Kampagne für Saubere Kleidung« jüngst deutliche Fortschritte attestiert haben, beispielsweise die Bezahlung
von Überstunden und die Zulassung von Arbeitnehmervertretungen. Unter dieser Perspektive wäre sogar vertretbar, wenn man ein in die Kritik geratenes Unternehmen
boykottiert, obwohl auch die Herstellerfi rma der stattdessen gekauften Produkte kein Vorbild ist. Die Zivilgesellschaft muss Exempel statuieren!

Aufwand: Boykottieren erschwert den täglichen Einkauf beträchtlich. Man muss sich informieren, steht unter erhöhtem Beurteilungsdruck, entsprechend längere Zeit verbringt
man in Geschäften beziehungsweise am PC. Faire und nachhaltige Produkte sind teurer, oft bedeutend teurer. Das hat zur Kritik geführt, dass reichere Bevölkerungsschichten deswegen mehr politische Einfl ussmöglichkeiten erhalten.

Risiken: Keine.

Spaßfaktor: Wenn Sie als Alternative ein bekanntermaßen faires Produkt gekauft haben, werden Sie ein bisschen zufrieden sein. Vielleicht kommt es im Moment der Boykottentscheidung auch zum kurzen Triumphgefühl