Im Alltag Flagge zeigen (Aktion 26)

Anlass: Jeder hat solche Situationen schon erlebt: Ein Mitreisender im Eisenbahnabteil zieht im Gespräch mit seinem Nachbarn so richtig vom Leder, macht laut abfällige Bemerkungen über faule Hartz-IV-Empfänger, kriminelle Ausländer oder über die Homo-Ehe. Alle Anwesenden schweigen – betreten oder zustimmend. Auch Sie erwidern nichts, wofür Sie sich hinterher schämen. Zu Recht: Meinungshoheit wird nicht nur an Stammtischen hergestellt, sondern überall und jederzeit, beim Essen in der Kantine, an der Theke, bei Besprechungen, selbst in der Sauna. Bleiben solche diskriminierenden Sätze unwidersprochen, gewinnen sie an Salonfähigkeit, und ihr Sprecher hätte einen kleinen Sieg im Kampf um die öffentliche Meinung davongetragen. Es ist Bürgerpflicht, in solchen Situationen Flagge zu zeigen, zumindest wenn Dinge geäußert werden, die nicht in das demokratische Meinungsspektrum passen!

Aktion: Die richtige Reaktion ist situationsabhängig und erfordert Fingerspitzengefühl. Das Florett dürfte generell angebrachter sein als der Holzhammer. Eine symbolische Geste des Widerspruchs wie ein deutliches Kopfschütteln samt Seufzer oder bezeichnenden Blicken zu den Anwesenden ist das Mindeste, was von Ihnen erwartet werden darf. Man kann auch mit kurzen, sachlich gehaltenen Bemerkungen entgegenhalten: »Bitte reden Sie doch leiser und ein bisschen vorurteilsloser!« Damit läuft man aber Gefahr, in die Rolle des Moralapostels oder Oberlehrers zu geraten. Also nur bei wirklich unakzeptablen Äußerungen eingreifen! Ein argumentativer Frontalangriff ist eher möglich,wenn sich der Sprecher direkt an die Anwesenden gewendet hatte. In der geschilderten Situation im Zugabteil, in der der Kontrahent scheinbar zu seinem Gesprächspartner und nicht zu den Anwesenden sprach, wäre eine indirekte Antwort elegant. Ziehen Sie Ihr Handy und sagen Sie laut hörbar im simulierten Anruf: »Du, was macht man mit Dumpfbacken? Gerade sitzt mir so eine in der Eisenbahn gegenüber und textet die Leute mit seinem Schwachsinn zu, labert von faulen Hartz-IV-Empfängern …« Dann warten Sie in Ruhe die Reaktion ab. Kommt keine, haben Sie Ihre Pflicht getan. Fallen diskriminierende Äußerungen am Kantinentisch, kann man sich unter Berufung auf seinen Magen provokante politische Bemerkungen verbieten und vorschlagen, nach dem Essen zu diskutieren. Schwierig wird es, wenn eine lockere, witzige Gesprächsatmosphäre herrscht, in der man, argumentierte man ernsthaft, leicht als Spielverderber dastünde. Ironisch-übertriebene Zustimmungen wie »Genau, alles stinkfaule Säcke, und erst die Katholiken …« sind dann eher erfolgreich. Besonders heikel ist der Umgang mit politischen Äußerungen, wie sie Vorgesetzte manchmal in Bespre-
chungen absondern. Hier könnte Widerspruch in humorig vorgetragenen Bemerkungen geäußert werden wie »Aber das nehmen wir lieber nicht ins Protokoll …«. Die Erfahrung zeigt, dass Schwadronierer eher überrascht sind und klein beigeben, wenn sie plötzlich auf Widerspruch stoßen. Wehren sie sich dennoch, hat man die Chance, den ersten Sieg weiter auszubauen. Ein Geschenk sind aggressive Naturen, die sofort auf verbale Eskalation schalten. Wer dann ruhig und sachlich bleibt, hat gewonnen! Sie sollten die Aktion aber nicht unbedingt mit dem Ziel des argumentativen Siegs beginnen, das würde Sie unter Stress setzen. Das politische Ziel ist schon erreicht, wenn Sie überhaupt Widerspruch leisten und so für alle sichtbar eine Grenze zeigen.

Wirkung: Schon mit einer kleinen symbolischen Aktion verhindern Sie, dass unakzeptable Meinungen unwidersprochen bleiben und damit als Mehrheitsmeinung erscheinen. Besonders Menschen, deren Meinung ungefestigt ist, besitzen feine Antennen für Meinungshoheit! Öffentliche Meinung entsteht nicht nur über Massenmedien, sondern auch im Alltag über viele kleine Meinungsäußerungen!

Aufwand: Argumentatives Einschreiten erfordert je nach Situation viel Mut und will gekonnt sein! Hat man es ein paar Mal getan, stellt sich Übung ein.

Risiken: Es gibt Choleriker, die auf Widerspruch körperlich aggressiv reagieren, vor allem wenn sie alkoholisiert sind!

Spaßfaktor: Sie werden sich gut fühlen, wenn Sie Zivilcourage gezeigt haben! Anwesende, die sich vielleicht selbst für ihr Schweigen geschämt haben, werden Ihnen dankbar sein und es Ihnen zumindest körpersprachlich mitteilen – das hebt das
Selbstgefühl!