Protestieren Sie mit Filzstift oder Spraydose (Aktion32)

Anlass: Botschaften, die man an Wände sprüht oder pinselt, müssen naturgemäß kurz sein, viel Information ist nicht übermittelbar. Ein gewisser Informationsgrad der Öffentlichkeit über einen Missstand muss also bereits vorhanden sein, damit Wandparolen sinnvoll sind. Sie sind daher eher geeignet, das öffentliche Vergessen von bereits Bekanntem zu verhindern, als über Neues aufzuklären. Wandparolen wie »Hartz4 = menschenunwürdig« halten beispielsweise die Erinnerung an einen skandalösen Dauerzustand aufrecht, an den wir uns zu gewöhnen drohen.

Aktion: Früher zog man mit Pinsel und Farbtopf los, heute erleichtern Spraydosen und Filzschreiber das Geschäft. Filzschreiber hat man schnell zur Hand, ebenso rasch ist mit ihnen etwas geschrieben. Sie eignen sich aber nur für kleinere Schriftgrößen auf glatten, sauberen Untergründen. Freihändig zu sprayen muss geübt sein, besser man sprayt auf Pappschablonen. Wie man sie herstellt, kann man in dem Buch go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests von Marc Amann (2011, Seite 155) nachlesen. Nicht zu vergessen: die gute alte Kreide. Sie ist billig, umweltverträglich, beschädigt den Untergrund nicht, hält aber leider nicht lange. Übrigens gibt es inzwischen auch Sprühkreide in der Spraydose, die man für Schriftzüge oder Schablonen verwenden kann.
Geeignete Orte, um Text aufzubringen, sind Stellen, an denen viele Passanten vorbeikommen, ferner Orte, an denen man stehenbleibt. Suchen Sie nach Blickachsen und exponierten Stellen! Günstig sind Stellen, an denen der Eigentümer Ihren Text nicht gleich wieder entfernen kann. Bei Mauern beachten, dass deren Steinoberfläche Farbe nicht stark aufsaugt (eventuell hohe Reinigungskosten!). Bauzäune wären gut, sind aber meistens bereits von Plakaten bedeckt. Schlecht sind Türen und Scheiben, weil Aufschriften dort nicht lange geduldet werden. Auf Bürgersteige wird übrigens in Deutschland nur selten geschrieben. Toiletten hätten den Vorteil, dass Menschen dort längere Zeit verweilen, sie sind aber als Ort abstoßend und oft bereits von unseriösen Aufschriften übersät, was auf die eigene Botschaft negativ abfärbt. Inzwischen hat sich eine Kultur ästhetisch anspruchsvoller sozialkritischer Graffiti etabliert, die auch für die Wahrnehmung der Passanten Maßstäbe setzt. Mit plumpen, schlampigen Schriftzügen animiert man in der Konkurrenz der Parolen niemanden zum Lesen. Und selbst wenn sie gelesen wird: Eine hingeschluderte Botschaft wird nur wenig Überzeugungskraft entfalten. Allerdings können auch laienhafte Schriftzüge besondere Authentizität und Charme entfalten, wenn sie auf kleinräumige Themen aufmerksam machen (zum Beispiel »Wo bleibt unsere KITA?«). Damit eine Parole zum Lesen und Nachdenken anregt, kann man sie mit provokativen Wörtern und Symbolen oder mit paradoxen Botschaften versehen.

Wirkung: Überall sichtbare Botschaften tragen dazu bei, dass die kollektive Erinnerung an einen Missstand nicht verblasst. Viel hängt vom Text ab. Eine pfiffige Parole bleibt in Erinnerung wie ein Ohrwurm und animiert zum Nachdenken. Plumpe, geschmierte, beleidigende Parolen fallen auf den Urheber zurück. Passanten fühlen sich dann belästigt, was der Botschaft schadet! Beobachten Sie einmal selbst, wie Sie auf Parolen reagieren, die Sie in Fußgängerunterführungen oder auf WCs finden! Im öffentlichen Raum sichtbare politische Botschaften können ein ästhetischer und inhaltlicher Kontrapunkt zur Omnipräsenz der kommerziellen Werbung sein!

Aufwand: Ästhetisch ansprechende Botschaften zu sprayen oder zu schreiben erfordert einige Übung. Auch wollen Schablonen und Logos erst einmal hergestellt sein. Die Aktion selbst geht rasch, am schnellsten zu zweit, wenn einer die Schablone hält, der andere darüber sprayt. Viel Gedankenaufwand erfordert es, gute Parolen zu texten.

Risiken: Parolen zu pinseln ist als solches kein Straftatbestand, aber oft mit einer Sachbeschädigung verbunden. Der Eigentümer der Fläche könnte Ihnen dann einen neuen Anstrich oder Reinigungsaktionen in Rechnung stellen. Dazu muss er aber beweisen, dass Sie Täter beziehungsweise Mittäter waren, dazu den Schaden nachweisen und angemessene Beseitigungskosten begründen. Wie beim Plakatekle-
ben ist abzuwägen, ob das Risiko, »erwischt« zu werden, tagsüber oder nachts größer ist. Nächtliche Aktionen fallen eher auf, sofern jemand da ist, der sie beobachtet. Falls der
Eigentümer Sie auf frischer Tat bei einer Sachbeschädigung ertappt, darf er Sie übrigens vorläufig festnehmen, bis die Polizei kommt.

Spaßfaktor: Etwas getrübt durch die Angst, erwischt zu werden und möglicherweise Schadensersatz leisten zu müssen. Aber Genugtuung, wenn man seine Parolen später immer wieder sieht – sofern sie inhaltlich und ästhetisch gelungen sind. Falls nicht, ein tägliches Gefühl der Peinlichkeit.