Lassen Sie sich auf der Bank ausführlich über eine fiktive Erbschaft beraten (Aktion 34)

Anlass: Banken hatten in der Finanzkrise den »As + Ds« (im Jargon der Banker die »Alten und Doofen«) Schrottpapiere aufgeschwatzt, als deren Wertverfall bereits bankintern bekannt war. Eine der Ursachen verbreiteter kundenschädigender Bankberatungen ist bekannt: das Provisionssystem. Wertpapieranbieter zahlen Provisionen an die vermittelnden Banken – nicht an die Kunden –, bei Fonds bis zu 0,75 Prozent des vermittelten oder verwalteten Anlagevolumens! Inzwischen haben die Banken Besserung gelobt und eine »Renaissance der Bankberatung« ausgerufen. Auch der Gesetzgeber hat reagiert und den Banken seit 2010 Beratungsprotokolle zur Pflicht gemacht. Provisionen müssen in den Beipackzetteln zu den Finanzprodukten ausgewiesen werden. Dennoch hat sich, wie der Bundesverband der Verbraucherschutzzentralen kritisiert, im Beratungsgeschäft nicht viel geändert: Nach wie vor kommt es zu »provisionsgeleiteten Fehlberatungen«. Risiken werden nicht richtig beschrieben, den Kunden Kenntnisse und Erfahrungen unterstellt, die sie nicht haben. Vertriebsmitarbeiter und Berater der Bank stehen heute unter noch höherem Ver-
kaufsdruck. Insider berichten, dass sie nach 30 Minuten Beratungszeit etwas verkauft haben müssen. Jetzt sind die Bankkunden gefordert! Sie können das Beratungsunwesen
der Banken stören!

Aktion: Voraussetzung ist, dass Sie noch ein Konto bei einer der einschlägig bekannten Geschäftsbanken besitzen (eigentlich alle außer den ethisch verpflichteten Banken, siehe Seite 198). Lassen Sie sich telefonisch einen Beratungstermin zur Kapitalanlage geben, deuten Sie dem Bankberater dabei an, dass Sie eine größere Summe erwarten, beispiels-
weise aus einer Erbschaft. 50 000 Euro sollten Sie schon nennen, damit Ihr Berater Zeit und Geduld aufbringt Ihre Strategie für das Gespräch: Fragen Sie so viel nach, wie Sie können, ohne sich verdächtig zu machen. Sprechen Sie dabei immer aus der Warte eines unerfahrenen Bankkunden – der Berater soll so spät wie möglich den Verdacht schöpfen, dass er einem Scheingespräch aufsitzt! Fragen, die Kritik verraten, sollte man harmlos vorausschicken »Ich habe da so etwas in der Zeitung gelesen …«. Ziel des Gesprächs:
Dem Bankberater möglichst viel Zeit rauben und ihn ins Schwitzen bringen, indem man das Gespräch auf für die Bank heikle Themen bringt. Zunächst muss sich der Berater über Ihre finanziellen Verhältnisse informieren (samt Altersversorgung), über Ihre Erfahrungen mit Anlagen und über Ihre Anlageziele. Geben Sie sich vage, sagen Sie etwa: »Einigermaßen sicher soll sie sein, rasch abrufbar, natürlich auch etwas Rendite
bringen« und »Habe eigentlich wenig Erfahrung«. Fügen Sie auch noch hinzu: »Ich will auch ein gutes Gewissen haben, also keine Rüstungsgeschäfte und so, möglichst grüne
Anlagen …«, um weiteren Gesprächsstoff zu schaffen. Dann wird der Berater Ihnen einzelne Anlagen anbieten. Lassen Sie sie sich genau beschreiben – Sie sind ja unerfahren und ängstlich und wollen Bescheid wissen. Bei Fachbegriffen, mit denen Berater gern um sich werfen, bitten Sie um Erklärung. Fragen Sie bei jeder Anlage, ob sie Ihren Zielen (Sicherheit, Rendite, ethische Aspekte) entspricht. Besonders genau sollten Sie sich über die Gebühren erkundigen, die anfallen, wenn man ein Produkt kauft. Vor allem bei Fonds sind sie oft versteckt, hier hartnäckig nachfragen. Wenn der Berater einige Anlagemöglichkeiten vorgestellt hat, kommen die nächste Fragen: »Welche dieser Produkte sind denn in Ihrem Hause aufgelegt worden?« Und: »Haben Sie auch Anlagen aus anderen Quellen?« Falls nur hauseigene Produkte angeboten wurden, sagen Sie harmlos: »Aber ich möchte doch vergleichen können, bitte stellen Sie mir auch andere Produkte vor!« Früher oder später wird der Berater Sie zu einer Entscheidung drängen. Jetzt sollten Sie, um Ihren Berater bei Laune zu halten, Interesse für zwei, drei der empfohlenen Wertpapiere zeigen und dann harmlos sagen: »Man liest in der Zei-
tung ja so viel, man soll als Kunde fragen, ob die Bank irgendwelche Zuwendungen von den Verkäufern von Anlagen erhält. Welche Zuwendungen, Provisionen oder Ähnliches
erhält Ihre Bank von diesen Wertpapieren?« Jetzt nicht locker lassen, bestehen Sie auf Zahlen für die einzelnen Anlagen! Fragen Sie auch nach indirekten Einnahmen, die die Bank haben kann. Oft kauft die Bank selbst vorher diese Wertpapiere und verkauft sie danach zu einem höheren Preis an Sie. Dann bezieht sie keine Provision, hat aber
eine Gewinnmarge. Falls man Sie auf Prospekte verweist, in denen entsprechende Informationen verzeichnet sind, lassen Sie sich diese geben, lesen Sie sie durch, stellen Sie wieder Fragen, bitten Sie um Aufschlüsselung zusammengefasster Zahlen und so weiter und so weiter …
Wenn Sie den Eindruck haben, ausreichend genervt zu haben, sagen Sie, dass Sie sich das Angebot daheim überlegen wollen, und bitten um eine schriftliche Bestätigung der ge-
machten Angebote. Der Bankberater muss nun ein Beratungsprotokoll aufsetzen und unterschreiben – Sie brauchen es nicht zu unterschreiben. Sie bitten stattdessen, das Beratungsprotokoll mit nach Hause nehmen zu dürfen, um es sich genau anzusehen. Nun beginnt eine weitere Runde der Widerspenstigkeiten. Auf www.forium.de/redaktion/neuer-service-von-foriumde- anlageprotokoll/ finden Sie, was in einem Beratungsproto-
koll stehen müsste. Sie können nun ausführlich Ergänzungen und Veränderungen verlangen, diese am besten nur stichpunktartig benennen, damit der Bankberater Formulierungsarbeit bekommt. Lassen Sie sich auch ganz genau erklären, was es mit den Haftungsausschlüssen auf sich hat, die im Kleingedruckten des Protokolls stehen! Jeder Dissens, vor allem die Weigerung des Beraters, Ihre Veränderungsvorschläge ins Protokoll zu nehmen, eröffnet eine weitere Eskalationsmöglichkeit: sich beim Ombudsmann für Banken zu beschweren (vergleiche Aktion 13), eine Beschwerde, die
dann auch die Bankenfinanzaufsichtsbehörde erreicht. Ihr Widerstand gegen das Beratungssystem soll schließlich dokumentiert werden!

Wirkung: Sie rauben der Bank Arbeitszeit und konfrontieren sie mit einem kritischen Bankkunden. Sie stören dadurch den Versuch, das Vertrauen der Kunden ohne echte
Veränderungen der Beratungsprozedur wiederzugewinnen. In einer kritischen Zeit, in der Banken angesichts des flauen Investmentgeschäfts mehr Rendite mit Privatkunden ma-
chen müssen, hinterlässt jede Störung dieser Art Wirkungen. Banken reagieren empfindlich auf solche Störungen. Häufig gestörte Beratungsprozesse könnten Banken dazu bringen, ihren Widerstand gegen bessere Gesetze zur Bankberatung aufzugeben, zum Beispiel zu akzeptieren, dass die Verjährungsfrist bei Falschberatung heraufgesetzt wird, dass Beratungshonorierung auf Stundenbasis erfolgt statt durch Provisionen, dass ein Finanz-TÜV für Finanzprodukte eingeführt wird, dass die Beweislast bei Konflikten generell zugunsten des Kunden umgekehrt wird. Zu beachtende Nebenwirkung: Sie machen einem kleinen Bankberater das Leben schwer, der vielleicht selbst nicht gern Kunden über den Tisch zieht. Hier sollte man nicht zu sentimental sein. Der Berater hat
sich diese Bank gewählt – es hätte auch andere gegeben, die fairer mit ihren Kunden umgehen. Wenn Bankberater bei Bewerbungen um ihren Arbeitsplatz künftig stärker beachten müssen, ob sie bei ihrem Arbeitgeber ins Visier von kritischen Konsumenten geraten, wäre das begrüßenswert. Und Sie geben dem Bankberater durch Ihre Widerspenstigkeit ein Argument gegenüber der Bankleitung an die Hand, bessere Vorgaben zu schaffen. Faire Beratungsvorgaben würden ja auch seine Arbeit erleichtern.

Aufwand: Mittel. Etwas gedankliche Vorbereitung, eine Stunde Zeit und etwas Mut.

Risiken: Null.

Spaßfaktor: Wenn Sie erst einmal Routine haben, ein Gespräch mithilfe von harmlos-hinterhältigen Fragen zu führen, macht es einen Heidenspaß!