Mahnwachen und Ein-Mann-/ Ein-Frau-Demos (Aktion 39)

Anlass: Manche Missstände sind so spezieller Natur oder noch so unbekannt, dass man keine Demonstration, keinen Protestaufruf findet, dem man sich anschließen könnte.
Beispielsweise wenn in Ihrer Straße ein Haus verkommt und matratzenweise an Einwanderer vermietet wird; oder wenn Ihre örtliche Postfiliale geschlossen werden soll. Dann wäre eine eigene Ein-Mann-/Ein-Frau-Demonstration angebracht:

Sie stellen sich mit einem Schild »Unsere Post soll bleiben!« vor die Postfiliale. Einer solchen Minidemo sollte immer ein konkreter und aktueller Anlass zugrunde liegen. Es ist wenig sinnvoll, sich mit einem Plakat »Peace« in die Fußgängerzone zu stellen. Auch die etwas altmodisch klingende »Mahnwache« ist im Grunde eine Ein-Mann-Demo. Minidemos sind durch den Bundespräsidenten Joachim Gauck gewissermaßen geadelt worden. Im Zusammenhang mit den skandalösen Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Apple-Geräten sagte er: »Jeder kann vor dem Laden gegen unmenschliche Arbeitsverträge protestieren …«

Aktion: Sie müssen Ihre Minidemo nicht anmelden, solange Sie allein agieren – erst die Mithilfe einer zweiten Person vor Ort wäre eine anmeldungspflichtige (aber nicht genehmigungspflichtige) Demonstration. Wichtig ist, dass Sie auf öffentlichem Grund stehen. Das ist in der Regel der Fall, wenn Sie auf den Bürgersteigen außerhalb der Gebäudefluchtlinie bleiben. Im Zweifelsfall rufen Sie bei der Stadtverwaltung an und lassen sich zu der Abteilung durchstellen, die Demonstrationen genehmigt. Man muss Ihnen Auskunft geben! Vor Aktionsbeginn gilt es, einiges vorzubereiten: Als Blickfang dient ein Plakat, mindestens im Format A2. Schreiben Sie auf Ihrem PC einen Slogan, etwa »Diese Post macht zu!«, und kleben Sie ihn auf zwei Hartschaumträger (zwei Zenti-
meter Stärke) auf. Mit Schnüren hängen Sie sich die Tafeln um und agieren als wandelndes Plakat. Unbedingt ist Informationsmaterial vorzubereiten, denn der Slogan auf dem Plakat kann ja nur rudimentäre Informationen liefern. Er soll Neugier auf weitere Informationen machen und zum Nähertreten animieren. Diese maximal einseitigen Infoblätter in genügender Zahl kopieren (in einer Stunde vor einer Postfiliale verteilt man je nach eigener Werbeaktivität zwischen 20 und 50 Infoblätter) und in einer offenen Umhängetasche mitführen. Dann stellen Sie sich an den gewählten Platz und sprechen Passanten aktiv an: »Wissen Sie schon, dass unsere Post geschlossen werden soll? Hier gibt’s nähere Infos.« Mit stummem Herumstehen werden Sie wenig Interesse wecken! Also: rufen, ansprechen, informieren, diskutieren! Nach kur- zer Zeit hat man sich überwunden und gute Redewendungen gefunden. Die ganze Aktion sollte mindestens zwei Stunden dauern und wiederholt werden.
Sie erregen besondere Aufmerksamkeit, wenn Sie die Aktion maskiert durchführen. Da es sich rechtlich um keine Demonstration handelt, dürfen Sie das tun. Die Maskierung
sollte möglichst einen thematischen Bezug zur Sache besitzen. Bei einer Minidemo zum Thema Klimaerwärmung passt beispielsweise eine Eisbärverkleidung. Die inzwischen überall erhältliche Maske mit dem Gesicht von Guy Fawkes (er wollte 1605 ein Attentat auf den englischen König durchführen) steht generell für Widerständigkeit. Wenn man eine bestimmte Politik kritisiert, könnte man auch Masken mit Politikergesichtern selbst herstellen (Bild am PC vergrößern, ausschneiden, Gummiband anbringen). Notfalls tut es auch eine Gorillamaske, sie erregt immer Aufmerksamkeit!

Nicht vergessen: Vor der Aktion eine Pressemitteilung an örtliche Tageszeitungen, aber auch an Stadtteilblätter, Wer- bezeitungen mit redaktionellem Teil und so weiter (Muster einer Pressemitteilung im Anhang) und an die örtlichen Parteien, Bürgerinitiativen und so weiter. Nach der Aktion schicken Sie einen kurzen Bericht mit Bild der Aktion an die Presse oder einen Kurzfilm an YouTube.

Wirkung: Sie informieren gezielt unmittelbar Betroffene über einen Missstand und üben dadurch Druck auf Entscheidungsträger aus. Auch Sie selbst werden einen Gewinn davontragen. Gespräche mit Bürgern, die Sie sonst vermutlich nie getroffen hätten, werden Ihnen neue Informationen liefern und Sie nachdenklich machen!

Aufwand: Mittel bis hoch. Plakat und Infomaterial müssen hergestellt werden. In der Öffentlichkeit zu agieren und Leute anzusprechen kostet anfänglich Überwindung. Das
viele Reden ist ziemlich strapaziös, man agiert früher oder später automatenhaft.

Risiken: Gering. Sie haben das Recht, Ihre Meinung öffentlich und unangemeldet zu äußern, auch durch Verteilen von Infos und Flugblättern oder durch Sammeln von Unter-
schriften. Vermeiden Sie es, offenkundig falsche oder beleidigende Behauptungen aufzustellen, die andere schädigen.

Spaßfaktor: Je nach dem Interesse, das Sie während der Aktion wecken. Spaß und Stolz, wenn Sie Zuspruch erfahren. Frust, wenn nur wenige Ihre Infos nehmen. Narzisstische Gemüter werden es genießen, wenn Bekannte und Nachbarn vorbeikommen.

5 Gedanken zu “Mahnwachen und Ein-Mann-/ Ein-Frau-Demos (Aktion 39)

  1. Hallo,

    momentan wird eine 1-Mann-Demo vorbereitet, der 1-Mann bin ich höchstselbst.
    In 2 Wochen etwa wird sie starten. Vor dem Jobcenter, gegen Behördenwillkür, Hartz4, und der inoffiziellen Maßgabe Kosten einzusparen wo es nur geht.
    Konkret geht es bei mir um einen Arbeitsplatz, dessen Arbeitsvertag ich seit 12 Monaten schon habe. Ich bin seit 2006 in Hartz4-Bezug. Und habe endlich (!) die Aussicht aus diesem unwürdigen Zustand heraus zu kommen. Seit dem erlebe ich eine willkürliche Odysee an Steinen,die man mir im Weg legt,um dies zu unterbinden.
    Es ginge nur noch um einen BIldungsgutschein zur Erlangung des LKW-Scheins. Und ab dato wäre ich zeitlebens nicht mehr auf Leistungen nach SGB2 angewiesen.
    Nun zieht sich der Irrsinn schon 12 Monate hin. MIR REICHTS! Jetzt beginnt der Übergang in die unangenehme Phase,die ich eigentlich immer gescheut habe. Ich bin einfach nicht der Typ dafür. Aber es muss wohl sein!
    Ich halte Euch auf den Laufenden!

    Gruß Marco

  2. Hallo,
    ich werde auch alleine eine Demo gegen die Degewo in Berlin veranstalten – wegen ständiger Ruhebelästigungen seitens Nachbarn. Die Degewo unternimmt nichts und meint, ich soll ausziehen. Ich wohne seit 3 Monaten in diesem Haus und habe mich vorher mehrfach vergewissert durch Vermieter und Hausmeister, ob das Haus ruhig und die Nachbarn erträglich sind (“Ich hau´dir in die Fresse, du Votze..). Der Ort ist Alt-Britz, Buschkrugallee 208 in Berlin.

  3. Ich werde in der kommenden Woche täglich vor einem psychiatrischen Krankenhaus stehen – schweigend und mit zugeklebtem Mund. Ein Sandwich-Plakat wird vorbereitet und Handzettel auch. Ich will damit auf einen besonderen Menschen und generell darauf aufmerksam machen und protestieren, dass es ungerechtfertigte Zwangseinweisungen gibt, die mit übelsten Tricks zustande kommen.

  4. Nachdem ich eine Versammlung auf dem Europa-Platz, zum Thema Stadtentwicklung, (Mobilität) Energiewende Entwicklung politischer Alternativen durch Bürgerbeteiligung, angekündigt hatte, mußte ich – krankheitsbedingt – diese, beim Ordnungsamt gemeldete Demonstrantion, absagen. Jetzt, halbwegs genesen 24h später, frage ich hier, ob es notwendigerweise 48h warten muß, bis erneut die Genehmigung dazu erhalte. Gruß zur Nacht, Martin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>